Zurück aus der Wildnis: Was nehm‘ ich von der Republica 2014 mit?

Republica 2014 Berlin Station Kreuzberg Würfel drinnen

Schon die Rückschauen auf ein Fußballspiel divergieren hartnäckigst, obwohl sie sich vermeintlich nur einen einzigen Betrachtungsgegenstand zur Brust nehmen. Übertragen auf die vielen Bühnen, Räume, Stände, Bars, Cafés und Treffpunkte der re:publica 2014, bei denen drei Tage lang in Berlin-Kreuzberg die Zukunft der Gesellschaft unter der Klammer des Digitalen verhandelt wurde, wäre eine umfassende Synopsis entweder ausufernd oder ein Ding der Unmöglichkeit – jedenfalls für mich. Ich kann daher nur darlegen, mit welcher Motivation ich hingefahren bin und was ich wieder mitgenommen habe. Wer doch noch etwas tiefer eintauchen möchte, ist mit folgendem Dreiklang gut beraten: die Videostreams, in denen zumindest der offizielle Teil zum Nacherleben dokumentiert ist, der Link zum Reader, dem schnellsten Buch der Welt, in dem Schülerinnen der Deutschen Journalisten Schule Sessions und Interviews noch während der Konferenz zusammengefasst und angefertigt haben sowie ein wildes Klicken durch die Fotoseiten.

Warum bin ich zur Republica gefahren, was habe ich mir davon versprochen?

Schon im vergangenen Jahr habe ich von meinem Schreibtisch in München aus viele Sessions und Debatten per Livestream sowie die Berichterstattung darüber verfolgt, fand einige gelungen und inspirierend, andere überflüssig und überklickbar. So hätte ich es also auch in diesem Jahr halten können, somal ich keine größeren Vernetzungsambitionen hege. Allerdings bin ich neuerdings selbständig, wodurch sich in meiner Zeiteinteilung neue Optionen ergeben. Zudem konnte ich den Zeitleisten einiger meiner Freunde entnehmen, dass sie ebenfalls teilnehmen würden. Noch bis zum Auftakttag hing ich meinen mehr oder minder schizzoiden Gedanken nach, die z.B. suggerierten, eine Teilnahme käme lediglich einem anbiederndem Gepose im Hipstereldorado gleich. Andererseits wollte ich wenigstens aus eigener Erfahrung wissen, worüber ich mir das Maul zerreiße. Außerdem hatte ich schon gebucht.

Wie würde ich die ganze Veranstaltung zusammenfassen?

Kurz gesagt hat mich die Republica eher an die Berliner Rap-Jams meiner Jugend erinnert als an eine Fachkonferenz. Coole Location, entspannte Leute, die ähnliche Themen interessieren, DJs, Bars, Workshops zum Mitmachen, Chill-Areas für Pausiergewillte, widersprüchliche Teilnehmer und Gäste. Von der Fülle an Themen und Darbietungen habe ich mich auch drei Tage nach Abschluss der Veranstaltung nicht gänzlich erholt und werde das ein oder andere sicherlich nochmals oder erstmals im Stream nachschauen. Nicht alle aufgeworfenen Thesen genügen wissenschaftlichen Standards, aber einige. Genauso wenig war alles getränkt in Alarmismus oder Netzsarkasmus. Vieles war witzig oder wahr im Sinne von gut beobachtet. Im Gegensatz zu früher führt die Feedbackspur im Netz, zum Beispiel auf Twitter und in den Blogs der Beteiligten, zu einem Plus an Interaktion und Reflexion. Anstatt Notizen für mich Zusammenzuschreiben, habe ich sie getweetet und meist direkt Reaktionen von anderen Besuchern oder Vortragenden darauf bekommen. Über die Streams wiederum lässt sich die Konferenz in die Zukunft verlängern und Nacherleben. In den Sessions wurde nicht selten auf Vorredner eingegangen, so dass ich tatsächlich mit dem Gefühl dort rausgegangen bin, an einem Gespräch teilgenommen, statt eine Reihe an Vorträgen konsumiert zu haben. Ein schönes Gefühl.

Eher so mittelgute Sessions

Aus einigen Sessions bin ich sofort wieder rausgewackelt, weil beispielsweise Bianca Jagger auf der Nebenbühne so laut krakeelte, dass man selbst mit den Kopfhörern dem eigenen Vortrag nur mit Mühe folgen konnte oder massiv auf Publikumsinteraktionen gesetzt wurde, was ich gern zur Interaktion gen Ausgang nutzte. Auch Vorträge, die mit den einleitenden Worten „Das ginge eigentlich kürzer, aber ich soll ja eine Stunde reden“ oder „Mal sehen, geübt habe ich das Ganze noch nicht“ begonnen, konnte ich nicht immer bis zum Schluss mit meiner Anwesenheit beehren, was bei dem Überangebot aber eigentlich ein Segen war.

Von Jacob Applebaum war ich zwar nicht im Wortsinne enttäuscht, aber mittlerweile weiß ich ganz gut, was er zu sagen hat, so dass ich mir eine Darbietung im amerikanischen Stilmittel des Show-Dialogs nicht unbedingt komplett reintun muss. Genauso ging es mir mit der Rede von Evgeny Morozov. Seine Stimme ist in der Debatte für mich eine absolut wichtige. Inhaltlich kannte ich allerdings seine Punkte bereits und im Vortragen kann er viel verbessern. Ich denke, viele Zuhörer hatten kaum Chancen, dem von Fremdwörtern gespickten Highspeed-Belarus-Amerikansich zu folgen. Toll wäre gewesen, ihn mit Michael Seemann und Applebaum zusammen in einem Streitgespräch zu hören. Richtig aufgeregt habe ich mich über „Allein ist die Wildnis ein öder Ort“ mit Greta Taubert, die ein Buch über ihr Jahr in der Konsumabstinenz geschrieben hatte. Sie verlegte sich darauf, als süßes naives Mädchen Fäkalwitze zu reißen und zu versuchen, in der letzten Minute noch die zwanzig Folien abzureißen, zu denen sie vorher nicht gekommen war. Erwähnenswert ist einzig der Applausbattle, den wir uns mit dem Publikum der Nachbarbühne lieferten. Gemessen am zu Beklatschenden haben wir sicherlich gewonnen. Meine Timeline sah das übrigens anders („Wie Rüdiger Hoffmann, nur witziger…“). Wirklich enttäuscht war ich von dem Interview Johnny Häuslers mit Gabriele Fischer, der Chefredakteurin und Verlegerin der brand eins, einem Magazin, dem ich seit dreizehn Jahren per Abo die Treue halte. Das Gespräch ging über Floskeln wie „Print ist nicht tot, wenn man dem Leser gute Qualität liefert“ leider nicht hinaus.

Was waren meine absoluten Highlights?

Wie Felix Schwenzel dem Thema Überwachung begegnet, auf Lobo und Karig eingeht, Videos und GIFs einsetzt und seinen Vortrag strukturiert, hat eine absurd hohe Qualität und großen Unterhaltungswert. Ich habe zwischendurch das Twittern eingestellt, weil ich die Wort-Bild-Scheren nie und nimmer hätte gebührend erfassen können. Das hat schon sehr großen Spaß gemacht. Einen ähnlich hervorragenden, weil pointierten Vortrag hat Holm Friebe vom Stapel gelassen. Mit Bonmots wie „Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht“ oder „Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus bekommt den Käse“ ruft er zu mehr Gelassenheit statt Aktionismus auf. Das sollte man sich unbedingt zu Gemüte führen. Auf „Social Media & Recht: Saisonrückblick 2014“ musste man mich erst schleifen. Zudem gab es keine Sitzplätze mehr, der Tag war lang und die Session bereits mit Überlänge angekündigt, die dann noch überzogen wurde. Die zwei Juristen Thorsten Feldmann und Henning Krieg führten dann aber so bannend und sortiert durch die Fallstricke des Urheberrechts, der Impressumspflicht und der Schleichwerbung, dass ich die kompletten zwei Stunden im Saal stehen blieb.

Republica 2014 Berlin Station Kreuzberg: Social Media Recht

Nach dem Motto „Früher musste man sich nur von den WG-Partys fernhalten, heute schlägt einem zusätzlich der Facebook-Algorithmus ins Gesicht“ wies Eva Horn auf die Schwierigkeiten des Entliebens in Zeiten des Internet hin. „Wir hassen Facebook nicht dafür, dass es eine Datenkrake ist, sondern dafür, dass man sehen kann, wann eine Nachricht gesehen wurde“. Horn liefert zwar keine bahnbrechenden Erkenntnisse, aber es ist schon spannend, in welchen Trennungstypen man sich wiedererkennt. Beim Workshop „Programmieren für Nullcheckerbunnys“ mit Kathrin Passig und Anne Schüßler hatte ich ebenfalls großen Spaß. Inhaltlich war hier außer Links zu Tools und Tipps von Experten zwar nicht viel zu holen (was allerdings Gold wert ist), man hat also nicht programmiert, aber der Vortrag war gut gemacht und der Ansatz, eine Brücke zu schlagen für diejenigen, die sich absolut überhaupt nicht auskennen und sich niemals trauen würden, Fragen zu stellen, war hochsympathisch. Man musste sogar unterschreiben, keinen Plan zu haben und wurde aufgefordert, sämtliche Zwischenfragen, die Kompetenz suggerieren könnten, zu unterlassen. Zudem mag ich Passigs Art, lange Sätze ruhig und pointiert in korrektem Deutsch zu Ende zu bringen.

Was war auch gut und interessant?

Sessions, die ich mir noch ansehen möchte und warum

Konrad Lischka beglückt mich mindestens zweitäglich mit Geistreichem in meiner Twitter-Timeline, wo mir sein Crowdsourcing-Projekt „Drachenväter“ oft begegnet ist. Daher will ich die Session noch nachholen. Michael Seemann ist ein Mann, der mir auf Twitter permanent auf den Zeiger geht, dem ich aber den Rücken zuzuwenden nicht in der Lage bin, weil er mich fasziniert. Wie er zu seinen Post-Privacy-Haltungen kommt, wann er über wenn abrantet und wann er überraschenderweise Respekt zollt. Das habe ich noch nicht kapiert und so behalte ich ihn in meiner Bubble als heilsames Korrektiv der eigenen Überschätzung [Nachtrag: Mittlerweile geschehen.]. Niggi habe ich leider auch verpasst. Das Bildblog jährt sich zum zehnten Mal und deshalb werde ich nachschauen, was seine Macher zu sagen hatten. Friedemann Karigs Vortrag wurde in den Sessions von Felix Schwenzel und Sascha Lobo aufgegriffen. Grund genug, nachzusehen. Nachdem ich nur Lobos „Rede zur Lage der Nation“ sehen konnte, in der naturgemäß viel an der Überwachung kritisiert und Aktivisten mobilisiert wurden, interessiert mich auch noch der konstruktive Input in Sachen „Betriebssystem Buch“, den der Netzmeinungsmacher beizutragen hat.

Ansonsten war es einfach schön, zu den vielen Netznamen einen persönlichen Eindruck und ein Gesicht zu bekommen und um die Sessions herum mit witzigen Leuten zu quatschen. Ich hab viel gelacht. Es hat sich also gelohnt.

Republica 2014 Berlin Station Kreuzberg: What we learnt. Nicht meckern. Besser machen.