NSA killed the Internet. Now I have to build a GNU one. (Motiv der Piraten auf testspiel.de)

Lobo bläst zur Zäsur – Staatstrauer in Neuland

NSA killed the Internet. Now I have to build a GNU one. (Motiv der Piraten auf testspiel.de)

In der „digitalen Kränkung des Menschen“ geißelt Sascha Lobo seinen eigenen Naivoptimismus, beim Internet könne es sich um ein Allheilmittel handeln, das den Schaden aus der Welt nimmt und nur dem Guten ans Licht verhilft. Snowdens Enthüllungen brachten ihm gemeinsam mit dem Rest der breiten Öffentlichkeit die Erkenntnis: „Was für unglaublichen Pfosten bin ich im Netz begegnet, und aus heutiger Sicht war ihre Position zur Überwachung näher an der Realität als meine.“

Foto: testpiel.de

Das ist doppelt bitter. Denn einerseits gehört Lobo im deutschsprachigen Raum zur Prominenz der Netzgemeinde, die „ihre Kraft und den Mut zur Lautstärke […] aus der Gewissheit [bezog], die Welt verbessern zu können mit digitalen Mitteln.“ Er erklärte der breiten Masse das Netz und nun irrt der sich einfach. Und das in seinem Fachgebiet. Hätte er es besser wissen können? Oder gar müssen? Dazu kommt: Für verirrte Pioniere ist der Weg zurück ungleich weiter als für diejenigen, die noch gar nicht losspaziert sind.

„Diese gönnerhafte Freude, das Gefühl der Bestätigung, irgendwie doch zur Avantgarde zu gehören, als Obama anfing zu twittern. Endlich nimmt die Politik unser Internet ernst! Dabei wurden zu diesem Zeitpunkt längst Milliarden für die Überwachung des Internets investiert, viel ernster hätte man es gar nicht nehmen können. In gewisser Weise hat die NSA im Internet wesentlich größere Chancen zur Weltverbesserung gesehen als selbst die Netzgemeinde.“

Jetzt kommt also nicht nur raus, dass „das Internet“ nicht nur nicht der ersehnte Heilsbringer ist. Sondern auch noch, dass die gefühlte Überlegenheit im Duktus „Wir nehmen die Herausforderung an. Wir gestalten den Wandel mit. Wir haben uns schon auf den Weg gemacht ins unbekannte neue Land. Hängt ihr nur an euren alten Gewohnheiten. So geht ihr unter…“ reine Überheblichkeit war. Angekommen in Neuland hatten die Law-and-Order-Cowboys schon längst die Parzellen aufgeteilt und wohlsortierte Schrebergärten eingerichtet. Mit ein paar Silicon Valley Start-ups hatte man ja gerechnet, aber Beamte und Behörden?

Ist das schon die Falsifikation von Sozialkonstruktivismus, wenn das Konstrukt derart harsch an der Realität zerschellt, obwohl doch so viele mit konstruiert haben?

Lobo erkennt also die Notwendigkeit, einen neuen Optimismus entwickeln zu müssen. Da stimme ich absolut zu, denn irgendwie müssen wir mit der Nummer ja jetzt umgehen. Dass er nicht gleich die mannigfaltig schillernde Lösungspalette aufmalt, finde ich als potentielle Auswegkonsumentin zwar schade, aber völlig angebracht. Denn jetzt ist erstmal Zäsur angesagt, jetzt muss man sich erstmal neu sortieren.

„What’s so lively about the debate in Germany? It’s the same thing all over again: we have to pass new laws, we have to press the US to do something, we want a no-spy treaty. This is all like rearranging chairs on the Titanic.“
Evgeny Morozov im Interview mit Lukas Kubina

Den verirrten Pionier kann Don Dahlmann insofern beruhigen, als dass es ein Zurück nicht mehr geben wird. Mit Blick auf die Buchdruckrevolution bemerkt er: „gewisse Dinge lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Ideen und Technologien gehören dazu, wenn sie denn einmal eine gewisse Verbreitung erlangt haben. Man kann sie temporär eingrenzen, verbieten, aber nicht aus der Welt schaffen.“ Den Versuch, die Büchse der Pandora wieder zu schließen, hält er für vergeblich, hegt aber dennoch die Hoffnung, „dass sich die Gewichte im Laufe der Zeit wieder neu verteilen werden. Dass digitale Bürger- und Freiheitsrechte akzeptiert werden, dass die Überwachung und die Speicherung privater wie wirtschaftlicher Daten eingeschränkt wird.“ Wie das zusammenpasst, leuchtet mir zwar nicht ein, beim Hoffen mache ich aber vorerst mal mit. Wie das?

Morozov mag ein elendig arroganter Besserwisser sein, den zu beleidigen mir schon deshalb psychologisch geboten ist, will ich – trotz der Schmach, vor ihm geboren und doch unendlich weniger produktiv zu sein als er – frohgemut weiterleben, er ist auch heilsames Korrektiv. Für Morozov „tut“, „macht“, „will“ oder  „gestaltet“ „dieses Internet“ oder „die Technik“ selbst gar nichts. Das hat die angenehme Konsequenz, dass wir uns auch „im Internet“ nicht „getäuscht“ haben können (Kopf hoch, Lobo). In diesem Sinne kann ich auch Martin Weigerts Replik „Nicht das Internet ist kaputt, sondern der Mensch“ unterschreiben. Unter der Überschrift „Ein Hoch auf die Freiheit, schaffen wir den Sicherheitsapparat ab, im Straßenverkehr sterben mehr Leute als beim 11. September“ gewinnt man zwar meine Sympathie, aber leider keine Wahlen.

„For American spies, Big Data is like crack cocain.“
Evgeny Morozov

Wenn aber der Mensch es ist, der moralisch gut oder schlecht handelt und eben nicht die Maschinen, die Algorithmen, die Technik oder das Internet, dann stellt sich die Frage, warum die Sicherheitsbehörden früher ohne ihre Datensilos auskamen, nun die Gelegenheit aber derart gierige Diebe generiert. Aus meiner Sicht helfen da nur Checks and Balances – und zwar nicht in Form von geheim tagenden Farcegerichten. In unseren politischen und gesellschaftlichen Konzepten muss die Moral also schon eingeschraubt und verdrahtet sein, damit die Menschen moralisch gut handeln – auch auf die Gefahr hin, lediglich Stühlerücken auf der Titanic zu betreiben…

Ich sag Euch bescheid, wenn ich das Rettungsboot gefunden habe.

[Nachtrag: Inzwischen haben sowohl Sascha Lobo als auch Evgeny Morozov neben vielen anderen die Debatte nochmal weiterentwickelt.]

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