Lifehack oder warum mir Newsjunkies suspekt sind

Gestern hatte ich den Kern des Gedankens kurz auf Facebook und Twitter losgelassen, doch auch hier soll das Thema nicht fehlen:

Vor vielen Süchteleien, die Social Media mitbringen, bin auch ich nicht gefeit. Der automatisch Griff zum Telefon, wenn man in einer Warteschlange steht — oder schlimmer noch –während man eigentlich in ein Gespräch involviert ist. Mal den Stream neuladen, mal schauen, ob es Reaktionen auf den letzten Post gibt, ob sich jemand gemeldet hat usw. usf. Diese Unarten muss ich mir schon recht bewusst abtrainieren, um der Sache, der ich mich gerade eigentlich widme oder meinem Gegenüber den gebührenden Respekt zu zollen und um vorwärts zu kommen.

Bei News habe ich glücklicherweise eine innere Aversion, ein Desinteresse, das mich sofort um- oder abschalten lässt. Das macht es mir leicht, mich der Flut zu entziehen. November letzen Jahres. Ein Freund und ich schauen bei mir zu Hause das Fußball-Länderspiel zwischen Frankreich und Deutschland in Paris. Wir unterhalten uns und ich nehme die „Böller“ wahr, die sich später als Bomben entpuppen. Ich rege mich mehr über Reporter Tom Bartels auf, der im Jammerton darüber schwadroniert, dass er am liebsten über den Sport, über den Fußball sprechen würde, wäre da nicht die „hässliche Sextapeaffaire“ rundum Valbuena und Benzema. Er spricht also nicht über Fußball, sondern die Affaire. Weil er das ja muss. Ich verstehe es nicht.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Langsam wird klar, dass sich Anschläge ereignen. Tom Bartels wird nicht müde zu erwähnen, dass er keine Informationen hat. Das verstehe ich. Auch dass er in Angst ist und nun erst recht nicht mehr in der Lage, einen guten Job zu machen. Kein Vorwurf meinerseits. Auch kann ich Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel nicht vorwerfen, für einen solchen Ausnahmezustand nicht die perfekte Moderationslösung aus dem Ärmel zu schütteln. Für mich bedeutet dieser Moment: abschalten. Es wird keinen Fußball mehr geben und die Leute vor Ort sind offensichtlich planlos und überfordert. Es gibt nichts, worüber sie mich in Kenntnis setzen oder die Lage gar einordnen könnten. Ich kann nichts beitragen, also kann ich mich später damit befassen. Mein Kumpel ist da anders gestrickt. Ihn interessiert es. Der Fernseher bleibt an. Beim „leider wissen wir noch nichts Genaueres“-„die Motivation/ der Hintergrund ist unklar“-„die Lage ist unübersichtlich“-Bingo hätte ich in kürzester Zeit den Jackpot eingelöst.

Ich sehe unsortierte Reporterinnen, aus dem Feierabend gerissen, die aufzählen, wieviele Blaulichter sie auf dem Weg mit dem Taxi ins Studio gesehen haben. Das mag für sie persönlich ein aufwühlendes Erlebnis sein, aber warum sollte ich mir das anhören? Halbstündlich wird die Opferzahl vom Rockkonzert im Bataclan nach oben korrigiert. Natürlich nie ohne den Zusatz, dass man das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend bewerten könne. Aha, denke ich, dann kann ich mir übermorgen einen Artikel dazu durchlesen, aber die Liveschalte der Non-Information geht weiter. Weil es einen journalistischen Aufklärungsauftrag gibt. Weil die Zuschauer danach verlangen. Weil es eine Vergeudung von Quote wäre. Weil man ja jetzt nicht nicht senden kann. Warum die Sender so handeln, kann ich nachvollziehen. Warum Angehörige von Leuten vor Ort im Schock dabeibleiben, auch. Warum es darüber hinaus auch nur zwei Zuschauer gibt, kann ich mir nicht erklären.

Natürlich ist das Thema noch viel größer. Im Netz steht die ARD am Pranger, nicht noch mehr/ schneller/ besser/ live berichtet zu haben. Wenn sie es nicht tun, tun es eben Passanten per Livestream. Die Aufmerksamkeit zieht wiederum Amokläufer mit Geltungsdrang an. Was nützt journalistische Zurückhaltung, wenn jede Zeugin zur Broadcasterin wird? Darüber müssen wir uns als Gesellschaft austauschen und Konventionen entwickeln. So richtig umgehen können wir mit unserem Spielzeug offenbar noch nicht. Für mich als Konsumentin heißt das weiterhin: abschalten. Weder der Berichterstattung noch den Attentätern und Amokläufern schenke ich freiwillig meine Aufmerksamkeit.

James Altucher, ehemaliger Zeitungsredakteur, weiß, wie die Wurst gemacht wird

„You’re basically told, ‚Find the thing that’s going to scare people the most and write about it.‘ … It’s like every day is Halloween at the newspaper. I avoid newspapers.“
James Altucher, zitiert in Tim Ferriss‘ „Tools of Titans“, S. 249

Aber Du kannst doch nicht einfach wegsehen

Jeden Tag ignorieren wir das Gros allen Weltgeschehens. Meiner moralischen Pflicht, mich für das Schicksal meiner Zeit zu interessieren, komme ich eben nicht dadurch nach, mir die Happen einzuverleiben, die genau jetzt die höchsten Wellen schlagen. Einen Ansatz, wonach ich sortieren kann, was mir wichtig ist und was nicht, habe ich für mich hier beschrieben.

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