Hypersensibilität

Du willst mich weinen sehen? Setze mich Birken aus. Das ist an und für sich bereits eine traurige Angelegenheit, denn in meiner romantisierten, lindgrenschen Vorstellung Skandinaviens spielen Birken eine wichtige Rolle. Hunde und Katzen gehen auch, aber das steht auf einem anderen Blatt. Seit vielen Monden nun lasse ich mir in aller Regelmäßigkeit Kanülen in Arme jagen. Mein Körper könne — so die Hoffnung — einer stetig wiederkehrenden Aussetzung der vollen Dröhnung Birke eben jener Blüte mit einer gewissen Gleichmut begegnen, mit einer stoischen Reaktion des Weißte-was?-Mach-doch.

Ich habe weitere Allergien. Menschen sind schwierig. Daher habe ich beispielsweise nichts dagegen, Fahrscheine an Automaten zu kaufen. Das menschliche Interface enttäuscht mich oft. Kassierer sollen mir nicht in den Arsch kriechen, aber grüßen und mir für eine Millisekunde in die Augen sehen. Das find ich schön. Angemessen. Sollte drin sein. Muss auch nicht im ersten Augenblick sein. Irgendwo zwischen Zieh und Piep und sammeln Sie gottverhurte Treueherzen. In der Schlange bin ich meist ruhig, warte, bis ich dran bin, habe vielleicht noch eine Frage. Mein Vordermann ist längst abkassiert, hält aber noch ein Schwätzchen. Jetzt bin ich dran. Schwätzchen dauert an. Von hinten wird nach der Öffnung des Zigarettendepots gefragt. Der Kassierer bespricht die Pausenzeiten mit der Kollegin. Kein Blickkontakt. Ich war gar nicht dran. Dann lieber gleich Automat.

Von daher hätte mir die Vorgehensweise meiner Hypersensibilisierungsarztpraxis (Shout out to German) entgegenkommen müssen. Wie am Fließband alles. Pro Besuch Interaktion mit fünf Personen garantiert, dafür alles Automaten auf Beinen. Bei der Anmeldung Karte durch die Schlorze ziehen, Zettel an die Spritzenaufzieher, dann ins Behandlungszimmer — wieder eine Vertretung der Ärztin, was gut ist, ist es doch gleichbedeutend mit freundlicherem Umgang und weniger Salesgesprächen für Asthmaschulungen — dann noch Lungenfunktionstest, zwischendurch Pocket leerlesen. Dass ein Lungenfunktionstest geplant ist, könnte ich dem nicht mir gewidmeten Zettel entnehmen, gesagt wird es mir nicht. Bloß nicht behelligen, es könnten Rückfragen entstehen. Dass von mir noch rhythmische Blas- und Saugübungen erwartet werden, leite ich aus dem Umstand ab, dass jemand in der Wartezeit nach der Spritze noch eine frikassierte Abwandlung meines Namens krakeelt. Auf einordnende Bemerkungen wird verzichtet. Ich frage, warum man mir die geplanten Tests bei der Anmeldung nicht ankündigen kann, warum ich mehrfach vor verschlossener Praxistür stehen muss, obwohl ich mich im Netz über die Öffnungszeiten informiert habe.

Da ändert sich immer wieder mal was, das können wir nicht jedes Mal draufschreiben? Das kostet mehrere hundert Euro. Hätten Sie angerufen, hätten Sie Bescheid gewusst.

Ich frage, ob ich mich im Jahr 2004 verlaufen habe und ob dann nicht wenigstens ein statischer Hinweis darauf, dass man sich telefonisch über die Öffnungszeiten informieren möge, auf der Website aufgenommen werden könne.

Die anderen Patienten rufen ja auch an. Wir machen das halt so.

Bei der pflichtgemäßen Abgabe meines Laufzettels an der Anmeldung habe ich mich dann danach erkundigt, wie ich meine Medikamente zu einer anderen Arztpraxis mitnehmen kann.

Kein Problem. Ich wickel Sie dann hier ab.

Manchmal bin ich ein Sensibelchen. Aber im Widerständewegatmen bin ich überdurchschnittlich. JEER.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich glaube, ich habe das auch. Meine Version gefällt mir aber besser: die anderen sind Idioten. Besonders Ärzte, das ist einer der Berufe mit der höchsten Quote an Psychopathen und gleichzeitig der niedrigsten an Organisationstalenten. Wie sonst könnte man den Boom für Heilpraktiker erklären? Ich weife ab, was ich eigentlich sagen wollte: Kopf hoch!

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