Der Erfolg gibt Dir Recht. Oder?

„Trainer X ließ jegliche Strategie vermissen. Sein Plan konnte mit dem Spielermaterial gar nicht aufgehen. Gut, dass er nun endlich gefeuert wurde — vielleicht ein bisschen spät, aber jetzt kann das Ruder noch rumgerissen werden. Ob die Verpflichtung des neuen Coach Y richtig war, das müssen Sie mich am Ende der Saison nochmal fragen.“

Oder:

„Lass uns den Bus zehn Minuten früher zum Bahnhof nehmen. Nicht dass noch was dazwischen kommt und wir den Zug verpassen.“ (…) „Oh, zwölf Minuten vor Abfahrt im Zug. Da hätten wir auch den nächsten Bus nehmen können.“

Aussagen wie die oben flattern ständig durch die Gespräche zwischen Leuten. Was gesagt werden soll, was gemeint war, ist klar und kommt beim Gegenüber auch richtig an. Sie sind absolut alltagstauglich und dennoch bin ich immer wieder amüsiert und zuweilen auch verärgert, wenn die Kriterien, anhand derer eine Entscheidung bewertet wird, stärker im Fluss sind als Stöckchen, die die Isar hinabtreiben.

Wenn die Ergebnisse stimmen, ist mir egal, wie Du Deinen Job machst

Gegen das Kriterium, etwas nach seinem Ergebnis, nach dem Outcome zu bewerten, spricht übrigens nicht generell etwas. Wer aus dem Homeoffice seine Arbeit gut erledigt kriegt, dem sollte seine Leistung als gutes Argument für die Heimarbeit auch anerkannt werden. Und auch im „Ergebnissport“ Fußball kann sich ein Trainer bei langanhaltendem ausbleibenden Erfolg nur in Ausnahmefällen länger über Wasser halten. Jürgen Klopp und Alexander Zorniger können ein Liedchen davon singen.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Mit den Ergebnissen kann man also zufrieden sein oder nicht. Sie können wünschenswert sein oder sie sind es nicht. Die Frage aber, ob eine Entscheidung selbst richtig oder falsch war, die muss man schon anhand der Fakten beantworten, die zum Zeitpunkt der Entscheidung als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung standen. Gedankenexperimente, wie die Dinge hätten anders laufen können, tragen im Nachhinein immer den Stempel der Ausrede. Während der Planungsphase sind es aber einfach Szenarien. In der kontrafaktischen Geschichtsschreibung werden sie ganz bewusst sogar im Nachhinein ersonnen:

„In der kontrafaktischen Geschichte (lateinisch: contra facta‚ „entgegen den Tatsachen“), auch virtuelle Geschichte oder Uchronie genannt, wird auf Grundlage der durch Quellen gesicherten Faktenlage von Geschichtswissenschaftlern kontrolliert spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Tatsachen nicht oder anders eingetroffen wären. Ziel ist ein Erkenntnisgewinn über Kontinuitäten und Brüche, über Zwangslagen und Handlungsspielräume in historischen Situationen oder über die Bewertung von deren Akteuren. Dabei werden Alternativszenarien im Irrealis der Vergangenheit entworfen, wobei generell gilt: Je weiter ein Ereignis zurückliegt, desto hypothetischer werden die Aussagen über seine Auswirkungen.“
Wikipedia, Kontrafaktische Geschichtsschreibung, 2.4.2016

Dass auf dem Weg zum Bahnhof nichts passiert ist, heißt noch lange nicht, dass dem Bus, der zehn Minuten später abfuhr, nicht der Reifen geplatzt ist. Dass Coach Y den Abstieg nicht mehr verhindern konnte, heißt nicht, dass die Entscheidung, ihn zu holen, falsch war. Ebenso wenig würde der Klassenerhalt bedeuten, dass es richtig war, Trainer X zu feuern. Schließlich hätte er die notwendigen Punkte ebenfalls noch gewinnen können. Wir wissen es nicht.

Farnamstreetblog Decision Matrix
Das Farnamstreetblog zeigt die möglichen Szenarien in dieser Matrix.

Was man aber wissen kann, ist, ob einem der Prozess gefällt, mit dem gearbeitet wird. Dortmund in der Hinrunde der letzten Saison und Stuttgart ein Jahr später — beide Teams spielten gut, arbeiteten sich eine unfassbare Zahl an Chancen heraus und hatten im statistischen Sinne unwahrscheinlich viel Pech beim Abschluss. Klopp durfte die Misere selbst wieder drehen, Zorniger musste gehen. Grade Leute, die fehlende Weitsicht oder das Fehlen einer Strategie in einem Club kritisieren, gerade die dürfen sich aus meiner Sicht nicht auf den Standpunkt zurückziehen: „Frag mich später nochmal.“

Als Guardiola seinen Stürmer Henry für ein Tor bestrafte…

Jemand, der den Prozess offenbar über das Ergebnis stellt, ohne dass ihm deshalb aber der Erfolg ausgeblieben wäre, ist Pep Guardiola. Am Ende dieses Videos erläutert Thierry Henry, wie er sich den Anweisungen seines Trainers einst widersetzte und dadurch ein Tor schoss. Er wurde in der Halbzeit ausgewechselt.

Nachtrag:

Wrap your arms around the uncertainty. Accept it. Know that the way things turn out has a lot of luck involved so don’t be so hard on yourself when things go badly and don’t be so proud of yourself when they go well. Focus on process instead.
Annie Duke, professionelle Poker-Spielerin in Nautilus

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