Wenn sich keiner an die Regeln hält, spielst Du vielleicht das falsche Spiel

„Sind denn heute nur Bekloppte unterwegs?“, fragt sich der Geisterfahrer auf der falschen Seite der Straße.

Konventionen, Gewohnheiten, Regeln, „wie man das eben macht“, sind uns über die Zeit zur zweiten Haut geworden. Wir hinterfragen sie nicht. Wir handeln intuitiv und es klappt. Automatismen sparen viel Denkarbeit und vereinfachen das tägliche Leben. „Weil wir das immer schon so gemacht haben“, ist also nicht die schlechteste Begründung für bestimmte Vorgehensweisen.

Doch manchmal sind wir auf dem falschen Dampfer.

Schon möglich.

Unsere Regeln würden funktionieren.

Aber nur dann, wenn sich alle daran hielten. Viel Spaß bei der Bekehrung zum Rechtsverkehr in England.

Ein Mann geht über die Straße – Recht haben tödlich

Wenn wir das nächste Mal in der Fremde sind — sei es eine andere Stadt, ein anderer Kontinent oder eine neue Firma — und mutmaßen, „ob denn hier alle am RATTTT drehen“, sollten wir über die Geschichte nachdenken, die Ulrich Wickert in seinem Buch über „Neugier und Übermut“ erzählt:

Und an Hajo dachte ich auch einige Jahre später, als ich in Paris über die Place de la Concorde ging. Mich begleitete Klaus Hennig, damals Auslandsredakteur beim WDR. Er war zu Besuch im Studio, wir hatten in einem Bistro in Saint-Germain zusammen gefrühstückt — jeder ein Croissant und einen Café au lait — und gingen nun zu Fuß ins Büro. Der Weg führte uns über die Place de la Concorde. Entsetzt sagte Klaus Hennig: »Da kommen wir nie rüber!«

»Gemach, gemach!«, beruhigte ich ihn, »du gehst einfach auf meiner linken Seite, die Autos kommen von rechts. Und dann gehst du genau so schnell wie ich, schaust nur nach vorn, den Rest mache ich.«

Klaus Hennig hatte zwar seine Zweifel, aber schließlich gingen wir so über den Platz, den ich häufig zu Fuß überquert habe, weil er auf meinem Weg ins Studio lag. Ich erklärte ihm, dass man nicht auf die Autos achten dürfe, höchstens aus einem Augenwinkel. Kein französischer Autofahrer werde einen Fußgänger umfahren. Der Fußgänger müsse sich nur vorhersehbar verhalten. Also: nicht anhalten, sondern in gleicher Geschwindigkeit nach vorn gehen. Dann kann der Autofahrer sich überlegen, ob er es noch vorne vorbeischafft oder ob er hinter dem Fußgänger vorbeifährt.

Als wir auf der anderen Seite angekommen waren, atmete Klaus Hennig erleichtert aus. Und er rief: »Das musst du drehen. Das ist ja genial!« »Aber das ist doch Alltag. Das langweilt doch die Leute! Ein Fußgänger geht über einen Platz, weiter nichts«, antwortete ich ihm. […]

Auch dieser Gang über die Place de la Concorde sagt etwas aus, und zwar über die Psychologie der Franzosen. Es ist nun gut fünfundzwanzig Jahre her, dass diese Szene gedreht wurde. Aber ich werde immer noch darauf angesprochen. Manch einer hat den Gang nachgemacht, andere haben es sich nicht getraut. Jeder hat allein beim Zuschauen Angst verspürt.

Und ich antworte meist: »Ich habe nur Angst gehabt, dass jetzt ein deutscher Autofahrer kommt und sagt: Ich habe Vorfahrt!«

Übrigens: „Concorde“ ist französisch und heißt „Eintracht“ oder „Einigkeit“.

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